KOMAGIRL: Eine tägliche Serie

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Man erfährt so einiges, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört …

Vorwort

Seit ich mich erinnern kann, leide ich unter Schlaflosigkeit. Ich war schon immer eine Nachteule und ein Morgenmensch, komme aus mit fünf, vielleicht sechs Stunden zusammengewürfeltem Schlaf zwischen Anfällen von Rastlosigkeit. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich es mein ganzes Leben lang irgendwie gehasst habe, schlafen zu müssen. Ich schätze, auf irgendeiner unbewussten Ebene hatte ich wohl Angst, dass ich etwas Wichtiges oder Aufregendes oder Unwiederbringliches verpassen könnte. Was meine derzeitige Zwickmühle umso ironischer macht.

Ich befinde mich in einem tiefen vegetativen Zustand … besser bekannt als Koma.

Andere Leute bezeichnen meine Situation als „traurig“, „herzzerreißend“, … sogar „tragisch“. Ich finde all die Aufmerksamkeit eher seltsam, wenn ich darüber nachdenke, dass ich, bevor ich in Bett 3 der Langzeitpflegestation des Brady Hospitals in Atlanta, Georgia, gelandet bin, das Mädchen war, dem niemand viel Beachtung geschenkt hat. Ich war das mittlere Kind – mittelhübsch, mittelschlau, mittelerfolgreich mit einer mittelmäßigen Persönlichkeit in einem mittelmäßigen Job bei einer mittelmäßigen Firma. Mein Name ist Marigold Kemp, aber dieser Tage werde ich meistens Komagirl genannt. Offenbar habe ich sowas wie eine Fangemeinde. Ich bin ein Trend in den sozialen Medien. Ich habe meinen eigenen Hashtag.

Da es so aussieht, dass ich eine Weile hierbleiben werde, dachte ich, ich könnte auch gleich anfangen, meine Geschichte zu erzählen; es hat ein paar Drehungen und Wendungen gegeben, was die Art und Weise betrifft, wie ich hier hergekommen bin, und es kommen zweifellos noch ein paar. Die Liste der Vorteile davon, im Koma zu liegen, ist ziemlich verdammt kurz, aber wenn ich sagen müsste, was das Beste daran ist, dann, dass man viel erfahren kann, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört. Ich bin als Horcherin nicht zu übertreffen, und Kumpel, sollte ich je aufwachen, dann werde ich in einem Buch so richtig auspacken.

In der Zwischenzeit erzähle ich es schon mal dir.


Die tägliche Serie Komagirl läuft vom 1. Juli bis 31.Dezember.  Die täglichen Episoden nur für 24 Stunden verfügbar also Merker setzen auf Deinem Handy, Computer oder Memo-board um täglich kostenlos bei Komagirl auf dem Laufenden zu bleiben.


Dienstag, 26. September

Der Ehrenamtliche mit der seidigen Stimme ist wieder da … aber jetzt macht er mich nervös. Ich bin mir sicher, er ist derjenige, der den Boulevardblättern Fotos zuspielt, und ich fühle mich betrogen. Denn ich will die Gedichte genießen, ohne das Gefühl zu haben, dafür im Gegenzug ausgenutzt zu werden.

Wie erwartet verschloss er die Tür, bevor er kam und sich neben unsere Betten setzte.

„Der Sommer ist am Ausklingen“, sagte er. „Die Temperaturänderung bringt uns ein paar wunderschöne Sonnenuntergänge. Ich wünschte, ihr könntet sie sehen.“

Ich auch. Meine und Robertas Wohnung ist nichts Besonderes, aber wir haben einen kleinen Westbalkon, der uns, wenn man die Müllcontainer und die Graffiti direkt darunter und dahinter nicht beachtet, eine spektakuläre Aussicht auf den Sonnenuntergang liefert. Ich habe sie für selbstverständlich gehalten, angenommen, dass ich noch viele weitere Sonnenuntergänge haben würde.

Tu mir einen Gefallen, Freund, und wenn du heute Abend zu einem Fenster kommst, schau dir für mich den Sonnenuntergang an?

„Also, ich habe heute für euch Ladys dieses Dickinson-Gedicht ausgewählt. Es heißt ‚Ich kenne einen Ort, nach dem Sommer strebet‘.“

Er verlagerte das Gewicht auf dem knarzenden Stuhl.

„Ich kenne einen Ort, nach dem Sommer strebet, mit solch geübtem Frost, dass jährlich sie die Blümchen mitnimmt, bemerkt wird schmerzlich ihr Verlust. Doch wenn der Südwind über Wasser streicht und in die Gassen fließet, ihr Herz an ihrem Schwure zweifelt, und sie in sanfter Umkehr erneuernd sich ergießet.“

Er hustete leise ‑ um eine Serie von Klicks der Kamera zu übertönen? ‑ dann fuhr er mit dem Lesen fort.

„In den Schoß von Adamant und Kräutern, und Taues Tröpflein, das auf leise Weise starr wie Quarz wird, auf ihrem Schuh aus Bernstein.“

Sehen Sie? Das lässt mich ihn ein wenig hassen. Warum kann er mich nicht einfach mit dem Bild eines Bernsteinschuhs zurücklassen, anstatt ein Stück von mir mitzunehmen?

Er hustete erneut und ich hörte klar und deutlich das Summen eines mechanischen Geräts.

„Habt einen schönen Tag, Ladys.“

Dann schloss er die Tür auf und ging.

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