KOMAGIRL: Eine tägliche Serie

KOMAGIRL Banner 980x280

Man erfährt so einiges, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört …

Vorwort

Seit ich mich erinnern kann, leide ich unter Schlaflosigkeit. Ich war schon immer eine Nachteule und ein Morgenmensch, komme aus mit fünf, vielleicht sechs Stunden zusammengewürfeltem Schlaf zwischen Anfällen von Rastlosigkeit. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich es mein ganzes Leben lang irgendwie gehasst habe, schlafen zu müssen. Ich schätze, auf irgendeiner unbewussten Ebene hatte ich wohl Angst, dass ich etwas Wichtiges oder Aufregendes oder Unwiederbringliches verpassen könnte. Was meine derzeitige Zwickmühle umso ironischer macht.

Ich befinde mich in einem tiefen vegetativen Zustand … besser bekannt als Koma.

Andere Leute bezeichnen meine Situation als „traurig“, „herzzerreißend“, … sogar „tragisch“. Ich finde all die Aufmerksamkeit eher seltsam, wenn ich darüber nachdenke, dass ich, bevor ich in Bett 3 der Langzeitpflegestation des Brady Hospitals in Atlanta, Georgia, gelandet bin, das Mädchen war, dem niemand viel Beachtung geschenkt hat. Ich war das mittlere Kind – mittelhübsch, mittelschlau, mittelerfolgreich mit einer mittelmäßigen Persönlichkeit in einem mittelmäßigen Job bei einer mittelmäßigen Firma. Mein Name ist Marigold Kemp, aber dieser Tage werde ich meistens Komagirl genannt. Offenbar habe ich sowas wie eine Fangemeinde. Ich bin ein Trend in den sozialen Medien. Ich habe meinen eigenen Hashtag.

Da es so aussieht, dass ich eine Weile hierbleiben werde, dachte ich, ich könnte auch gleich anfangen, meine Geschichte zu erzählen; es hat ein paar Drehungen und Wendungen gegeben, was die Art und Weise betrifft, wie ich hier hergekommen bin, und es kommen zweifellos noch ein paar. Die Liste der Vorteile davon, im Koma zu liegen, ist ziemlich verdammt kurz, aber wenn ich sagen müsste, was das Beste daran ist, dann, dass man viel erfahren kann, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört. Ich bin als Horcherin nicht zu übertreffen, und Kumpel, sollte ich je aufwachen, dann werde ich in einem Buch so richtig auspacken.

In der Zwischenzeit erzähle ich es schon mal dir.


Die tägliche Serie Komagirl läuft vom 1. Juli bis 31.Dezember.  Die täglichen Episoden nur für 24 Stunden verfügbar also Merker setzen auf Deinem Handy, Computer oder Memo-board um täglich kostenlos bei Komagirl auf dem Laufenden zu bleiben.


Freitag, 21. Juli

„Ich bin sehr verärgert, Marigold.“

Meine Mom arbeitet Teilzeit als Immobilienmaklerin. Vielleicht ist Teilzeit auch eher eine Übertreibung. In den zehn Jahren oder so, seit sie die Prüfung gemacht hat, hat sie ganze drei Häuser verkauft, alle drei für Freunde. Ich glaube, meiner Mutter gefällt der Gedanke, Maklerin zu sein, mehr als die tatsächliche Beinarbeit. Trotz ihrer Organisiertheit und ihres Ehrgeizes war meine Mutter nie eine Karrierefrau. In Wahrheit hatten meine Eltern eine sehr traditionelle Ehe. Mein Dad verdiente die Steaks … und meine Mutter ließ ihn sie nicht essen, wegen seines hohen Cholesterinspiegels.

Im Ernst, meine Mom war immer mit uns drei Kindern beschäftigt und mein Dad war zufrieden damit, dass sie unser Familienleben managen wollte. Um das einmal festzuhalten, ich liebe meine Mutter. Aber Carrie Kemp sieht die Welt durch die Brille einer beschützten, spießigen Hausfrau. Und wenn ihr etwas nicht gefällt, dann ignoriert sie es einfach.

Anscheinend habe ich ihr nicht gefallen, seit ich ein Kleinkind war.

„Ich bin zu deiner Wohnung gefahren, um nach deinen persönlichen Sachen zu sehen, aber deine Mitbewohnerin – Roberta, glaub’ ich, sagte sie wäre ihr Name – wollte mich nicht reinbitten. Sie sagte, solange du weiterhin deine Miete zahlst, wärst du die einzige Person, die sie reinlässt. Was eine Lüge war, weil mir so eine zwielichtig aussehende Gestalt namens Marco die Tür aufgemacht hat. Ich habe ihr gesagt, ich hätte ein Recht, dort zu sein, aber sie hat mir die Tür vor der Nase zugeknallt.“

Ich wusste, Roberta hatte nicht vor, irgendjemanden meine Sachen durchgehen zu lassen, aber ich hatte nie erlebt, dass sie unhöflich war. Und wohnte Marco jetzt bei ihr? Aß meine Tonne Partysnacks aus der Metro und benutzte meinen Toilettenpapiervorrat?

„Und ich muss dir sagen, Marigold, ich war schockiert vom Zustand des Stadtteils, in dem du wohnst. Leute, die auf der Straße schlafen, und überall Graffiti. Ich schätze, du hast mir deine Adresse nie gesagt, weil du nicht wolltest, dass ich mir Sorgen um dich mache.“

Ich habe meiner Mutter nie meine Adresse mitgeteilt, weil sie nie gefragt hat.

„Dein Vater und ich haben das besprochen, und wir haben entschieden, wenn du aufwachst, wäre es das Beste, du wohnst erstmal für eine Weile wieder zuhause. Ich weiß, ich habe dein Zimmer zu einem Bastelraum umgestaltet, aber du kannst in Sidneys Zimmer ziehen. Oder, wenn sie noch nicht wieder zurück in Boston ist, kannst du Alex’ Zimmer haben.“

Haben Sie das gehört? Mom hat mein Zimmer in einen Raum verwandelt, in dem man Vasen bemalen und Seife machen kann, aber Sidneys und Alex’ Zimmer bleiben genau wie sie waren. Ich bin sicher, ein Psychologe hätte seine reine Freude damit, aber meine Mutter würde einfach sagen, dass in meinem alten Zimmer das Licht am besten ist.

„Unterdessen ist Mr. Spooner bisher ein super Anwalt gewesen … er will mal nachsehen, was er tun kann, damit wir von der Hausverwaltung einen Schlüssel zu deiner Wohnung bekommen. Er und Sidney arbeiten wunderbar zusammen. Er hat Sidney sogar eine Mitgliedschaft in seinem Fitnessstudio im Country Club verschafft, damit sie ihre Strategien beim Laufen besprechen können.“

Hmhmmm.

„Und er drängt weiterhin den Staatsanwalt dazu, an deinem Fall dranzubleiben. Er hat versprochen, bald ein Treffen mit uns zu vereinbaren. Wir sind fest dazu entschlossen, sicherzustellen, dass Keith Young dafür bezahlt, was er uns angetan hat.“

Mir. Was er mir angetan hat. Aber wie auch immer. Ich würde sie diesen Kampf kämpfen lassen – mir war klar, dass sie etwas brauchten, auf das sie sich konzentrieren konnten.

Meine Mutter räusperte sich. „Ich, ähm, habe auch mit deinem Chef gesprochen, Mr. Palmer.“

Na, das ist mal eine Überraschung. Und für so ein Video würde ich glatt bezahlen – meine steife, makellose Mutter zu sehen, wie sie eine Unterhaltung mit meinem verschwitzten, haarigen Chef führt.

„Er hat deine Stelle mit einem Zeitarbeiter besetzt, bis es dir wieder gut geht. Er sagte, du bist die beste Angestellte, die er je gehabt hat. Er sagte, es gäbe zwei Schlüssel zu seinem Geschäft und dass er einen hat und du den anderen. Ich gestehe, ich war überrascht und stolz darauf, wie viel deine Kollegen von dir halten, Marigold. Du hast nie wirklich von deiner Arbeit erzählt.“

Nochmal – wer nicht fragt, kriegt keine Antworten.

„Er hat mir eine Kollekte gegeben, die unter deinen Kollegen herumgegangen ist – das sind fast fünftausend Dollar.“

Fünftausend Dollar? Die meisten der Leute, die im Teppichgeschäft arbeiteten, verdienten kaum mehr als den Mindestlohn. Die Tatsache, dass sie für mich so tief in die Tasche gegriffen hatten, war gleichzeitig verblüffend und rührend.

„Ich will bloß sagen, Marigold, dass ich bei deiner Berufswahl zuerst meine Zweifel hatte, aber es scheint, als hättest du am Ende eine gute Entscheidung getroffen.“

Markiert euch diesen Tag im Kalender, Leute. Meine Mutter hat gerade laut gesagt, dass ich eine gute Entscheidung getroffen habe. Natürlich waren die einzigen Zeugen ihrer Aussage vier Frauen im Koma.

„Also, du kannst schon sehen, wie durcheinander alle sind. Es wird Zeit aufzuwachen, junge Dame, und aufzuhören, uns alle zu Tode zu ängstigen.“ Ihre Stimme war brüchig. „Wenn du das tust, um mir weh zu tun, Marigold, dann hast du gewonnen.“

Dann ging sie. ~

Jetzt verfügbar!
Jetzt vorbestellen!
Am 1. August verfügbar!
Jetzt vorbestellen! Am 1. August verfügbar!
Am 1. September verfügbar!
Am 1. September verfügbar!
Am 1. Oktober verfügbar!
Am 1. Oktober verfügbar!
Am 1. November verfügbar!
Am 1. November verfügbar!
Am 1. Dezember verfügbar!
Am 1. Dezember verfügbar!

Share This: