KOMAGIRL: Eine tägliche Serie

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Man erfährt so einiges, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört …

Vorwort

Seit ich mich erinnern kann, leide ich unter Schlaflosigkeit. Ich war schon immer eine Nachteule und ein Morgenmensch, komme aus mit fünf, vielleicht sechs Stunden zusammengewürfeltem Schlaf zwischen Anfällen von Rastlosigkeit. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich es mein ganzes Leben lang irgendwie gehasst habe, schlafen zu müssen. Ich schätze, auf irgendeiner unbewussten Ebene hatte ich wohl Angst, dass ich etwas Wichtiges oder Aufregendes oder Unwiederbringliches verpassen könnte. Was meine derzeitige Zwickmühle umso ironischer macht.

Ich befinde mich in einem tiefen vegetativen Zustand … besser bekannt als Koma.

Andere Leute bezeichnen meine Situation als „traurig“, „herzzerreißend“, … sogar „tragisch“. Ich finde all die Aufmerksamkeit eher seltsam, wenn ich darüber nachdenke, dass ich, bevor ich in Bett 3 der Langzeitpflegestation des Brady Hospitals in Atlanta, Georgia, gelandet bin, das Mädchen war, dem niemand viel Beachtung geschenkt hat. Ich war das mittlere Kind – mittelhübsch, mittelschlau, mittelerfolgreich mit einer mittelmäßigen Persönlichkeit in einem mittelmäßigen Job bei einer mittelmäßigen Firma. Mein Name ist Marigold Kemp, aber dieser Tage werde ich meistens Komagirl genannt. Offenbar habe ich sowas wie eine Fangemeinde. Ich bin ein Trend in den sozialen Medien. Ich habe meinen eigenen Hashtag.

Da es so aussieht, dass ich eine Weile hierbleiben werde, dachte ich, ich könnte auch gleich anfangen, meine Geschichte zu erzählen; es hat ein paar Drehungen und Wendungen gegeben, was die Art und Weise betrifft, wie ich hier hergekommen bin, und es kommen zweifellos noch ein paar. Die Liste der Vorteile davon, im Koma zu liegen, ist ziemlich verdammt kurz, aber wenn ich sagen müsste, was das Beste daran ist, dann, dass man viel erfahren kann, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört. Ich bin als Horcherin nicht zu übertreffen, und Kumpel, sollte ich je aufwachen, dann werde ich in einem Buch so richtig auspacken.

In der Zwischenzeit erzähle ich es schon mal dir.


Die tägliche Serie Komagirl läuft vom 1. Juli bis 31.Dezember.  Die täglichen Episoden nur für 24 Stunden verfügbar also Merker setzen auf Deinem Handy, Computer oder Memo-board um täglich kostenlos bei Komagirl auf dem Laufenden zu bleiben.


Mittwoch, 23. August

„Ihre Schwester muss es eilig gehabt haben“, sagte Teddy. „Es sieht aus, als hätte ein Kindergartenkind ihre Nägel lackiert.“

„Hm-hm“, sagte Gina.

„Warum siehst du sie dauernd an?“

„Tue ich nicht.“

„Doch, das machst du, alle paar Sekunden:“

„Ich … nicht absichtlich.“

„Du verhältst dich echt komisch seit gestern.“

„Tue ich nicht.“

Doch, tust du, Gina. Sogar mir fällt das auf.

„Was habt du und Dr. Jarvis gemacht, als die Tür verschlossen war?“

„Nichts“, sagte sie, doch ihre Stimme quietschte.

„Ich glaube, ich weiß es.“

„Was?“

„Ihr habt rumgemacht, nicht wahr?“

„Was? Nein!“

„Warum verhältst du dich dann so komisch?“

„Ich … ich schätze, ich bin einfach ein bisschen nervös, weil die andere Patientin aufgewacht ist. Deswegen schaue ich dauernd Miss Kemp an – ich hoffe die ganze Zeit, dass sie ihre Augen aufmacht.“

Das hoffe ich auch. Ich habe wie zuvor Gefühl in meinen Fingerspitzen und Zehen und Sids schlampige Nägel-Lackierarbeit ist ein Segen, denn es dauert länger und sie wenden mehr Druck an. Die Wiederholung muss gut für mein Gehirn sein.

„Tut mir leid, dass ich dich so in die Mangel nehme“, sagte Teddy. „Nicht, dass es dir irgendjemand verübeln würde, wenn du Gabriel für einen Arzt fallenlassen würdest.“

„Ich lasse Gabriel nicht fallen. Wir hatten neulich Nacht viel Spaß zusammen.“ Ihre Stimme klang, als wäre sie ganz aus dem Häuschen. „Ich werde das verleugnen, wenn du es weitersagst, Teddy, aber ich glaube, er ist der Eine.“

Oh-nein, ist er nicht, Gina. Außer du meinst den Einen, der jetzt schon lügt und betrügt.

„Verguck dich nicht zu schwer. Du kennst ihn kaum.“

„Ich weiß, aber kann man einen Menschen jemals wirklich kennen?“

„Mit den sozialen Medien heutzutage hab ich das Gefühl, ich weiß zu viel über die Leute.“

„Mein Sohn lebt von sozialen Medien, sie bestimmen unser Leben.“

„Ich hab mir mal die Komagirl-Facebook-Seite und ihr Instagram angeschaut“, sagte Teddy. „Sie hat beinah eine halbe Million Anhänger.“

Das ist … irgendwie beängstigend, um ehrlich zu sein.

„Und es gibt so viele Fanprodukte“, fügte Teddy hinzu. „T-Shirts und Schlafmasken und Kissenbezüge und Tragetaschen … es scheint schon fast so, als würden die Leute die Tatsache feiern, dass sie im Koma liegt. Ich meine, verstehen die Leute überhaupt, dass sie im Koma liegt?“

„Ich bezweifle es. Ich glaube, die meisten Leute denken, es ist romantisch, wie irgendeine Art mystischer Zustand, weißt du, was ich meine?“

„Das kommt daher, dass die Leute sich nur an Berichte erinnern, wo Patienten aus dem Koma erwachen – sie erinnern sich nicht an die Geschichten, in denen Leute jahrelang vor sich hinwelken, bevor ihre Körper versagen.“

Du lieber Himmel.

„Miss Kemp wird nicht so jemand werden“, sagte Gina. „Sie wird aufwachen.“

„Was macht dich da so sicher?“, fragte Teddy argwöhnisch.

„Ich bin es einfach, das ist alles.“

„Ich hoffe es, armes Ding. Findest du es nicht seltsam, dass ihre Familie sie nicht öfter besucht?“

Er hatte es auch bemerkt?

„Du hast es auch bemerkt, was?“

„Ja. Es ist, als wollten sie sich nicht mit ihr beschäftigen, aber sie haben ihre Freude daran, diesen Komagirl-Lizenzvertrieb um sie herum aufzubauen.“

Ja, das trifft es irgendwie ganz genau.

„Schh“, sagte Gina.

„Was ist denn?“

„Sie kann uns vielleicht hören, das ist. Und wer will schon hören, dass seine Familie nichts mit ihm zu tun haben will?“

Ich nicht, das ist ganz klar.  ~

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